Das Buch

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Schon von weitem sehe ich es auf dem niedrigen Tisch vor dem Sofa liegen, der ist immer der Geburtstagstisch. Ein Buch. Unsere Wohnung ist voll von Büchern. Bücher kaufen und verkaufen ist unser Lieblingsspiel. Dazu muss man entweder interessierte Fragen stellen oder einen Käufer fachmännisch beraten über Thema, Altersgruppe oder den Inhalt. Jeder baut sich ein eigenes Angebot in seiner Ecke als Laden auf. Dann kaufen wir wechselseitig bei den anderen ein. Ich bin zwar eben erst sechs und ohnehin die jüngste, aber lesen kann ich längst. Wie ich es gelernt habe, weiß ich nicht mehr. Es war einfach da. Wahrscheinlich, weil meine Mutter mich immer im selben Zimmer parkt, in dem sie Nachhilfeschüler unterrichtet. Ich selber bin noch nicht in der Schule. Ein paar Satzfetzen aus den Geschichten, mit denen sie da arbeitet, flattern mir manchmal durch den Kopf, z.B.: 
Ein alter Löwe lag vor seiner Höhle und erwartete den Tod. Da kamen die Tiere des Waldes, die ihn immer gefürchtet hatten, um ihn zu verspotten.....
Manchmal denke ich darüber nach, warum sie jemanden verspotten, der sowieso bald sterben wird..... Und leben Löwen wirklich im Wald? Auf unseren Wanderungen im Schwarzwald haben wir noch nie einen gesehen.

Heute ist mein sechster Geburtstag. Ich weiß genau wie alle anderen, dass wir schrecklich wenig Geld haben. Aber an diesem besonderen Tag muss unbedingt etwas Wunderbares passieren. Ich versuche, ganz fest daran zu glauben.
Die Brüder sind schon um den Tisch versammelt, auf dem eine Kerze brennt. Und etwas wie ein Kuchen steht auch dabei - das ist immer so bei uns. Ich halte verstohlen nach Geschenken Ausschau, während meine Mutter mich langsam an der Hand von der Tür zum Tisch führt. Sie sagt nichts, aber auf ihrem Gesicht liegt ein erwartungsvolles Lächeln.

Auf dem Tisch liegt nur dieses kleine braune Buch. Unscheinbar. Dünn. Mit braunem Pappeinband und einem dunkelroten Rücken. Ist das überhaupt mein Geburtstagstisch? Meine Augen fangen an zu brennen. Aber heulen geht nicht. Nicht mit drei Brüdern. Ich würde mich zu Tode genieren. Das machen doch nur Mädchen - solche, wie  i c h  keins sein will. Lieber wie ein Junge, abgehärtet, stolz, stumm. 
Fassungslos starre ich auf das Buch - eins von  den tausenden anderen, die überall in den Regalen stehen, denke ich. Warum sagt die Mutti gar nichts? Warum kein Wort von den Brüdern? Ich muss an die herrliche Zelluloid - Puppe denken, die ich neulich im Schaufenster sah, und auch an die wunderschönen Gips - Kinder, die ich immer im Begräbnisladen bestaune. Manche liegen in weißen Kindersärgen, innen mit Atlas bespannt. Ich möchte auch mal in so einem Atlassarg liegen, sage ich und ziehe meine Mutter an der Hand über die Straße, um alles besser sehen zu können. Sie lacht und meint, ich solle mal noch ein bisschen damit warten. Das verstehe ich nicht. Nichts erscheint mir beneidenswerter, als in solch einem wunderschönen Kleid in diesem wunderschönen weißen Sarg mit weißem Seidenfutter zu liegen. Seide - das muss etwas für Prinzessinnen sein. Aber hier liegt nur ein dünnes Buch.

Meine Mutter schlägt es ruhig auf und fängt an vorzulesen:      




















































Als meine Mutter aufhört, ist es ganz still. Ich bin sprachlos – denn nun kommt ja das Schönste überhaupt erst: Diese wunderbaren, aufregenden, herrlichen Bilder! Plötzlich fällt mir ein, wie ich vor einiger Zeit nachts aufwachte und – weil ich nicht schlafen konnte – nach Mutti suchte. Als ich die Tür zum Zimmer mit ihrem alten Großmutter-Sekretär aufmachte, saß sie da mitten in der Nacht und malte irgendwas in ein Buch. Erschrocken deckte sie die Hand darüber und schickte mich schleunigst wieder raus. Als ich die Tür zumachte, bevor ich viel erkennen konnte, dachte ich noch: Wieso schreibt sie in Bücher, wenn es uns Kindern doch strengstens verboten ist? Wahrscheinlich schämt sie sich, dass ich sie erwischt habe und schickt mich deshalb so heftig wieder raus.
Dann vergaß ich den Vorfall und schlief schnell wieder ein.

Jetzt verstehe ich alles: Sie hat ein ganzes Haus für mich gemalt. Ein Puppen- Haus mit mir selber drin – und mit ihr und den Brüdern. Jedes Bild zeigt ein anderes Zimmer. Auf dem Stuhl liegt mein rotes Kleid. Es macht nichts, dass ich es, wie alles, von Größeren geerbt habe: Plötzlich ist es meins geworden und ich finde es schön. An der Wand mein Hampelmann, auf dem nächsten Bild die alte Truhe, in der wir vor Weihnachten manchmal heimlich nach Geschenken gesucht haben. Allein hätte ich mich nicht getraut, aber mit dem nächst älteren Bruder bin ich zu allem bereit. In der Küche der alte Herd mit den herausnehmbaren Eisenringen, um das Feuer stärker oder schwächer zu machen, und der mächtige Küchenschrank, der im Zuchthaus von Bruchsal angefertigt wurde. Was ein Zuchthaus ist, hab ich nicht verstanden, jedenfalls arbeiten da irgendwelche Leute. Und mein hellblaues Lieblingskleid! Wie ein Püppchen sieht diese kleine Elke aus.
Bei diesem Bild kommen mir plötzlich Zweifel: hab ich jemals so niedlich ausgesehen? Unmöglich!
Aber die Kacheln an der Küchenwand stimmen wieder genau.
Das nächste Bild ist ein wahres Wunder: Das Wohnzimmer mit den schönen alten Möbeln von Muttis Mutti, die wir nicht mehr kennenlernen konnten, dann das Fenster, umrahmt mit genau unseren Gardinen, und das Herrlichste: Der Blick durch die Scheiben auf die tief verschneite Straße, die Häuser gegenüber, auf Kinder mit Schlitten, ihre Fußstapfen im Schnee – und die barfüßige Elke im Sessel, wieder in einem anderen Kleidchen, das ich genau kenne – dieses Bild fällt besonders tief in mich hinein; von da an habe ich Schneebilder am allerliebsten.
Aber eins kann ich nicht verstehen: Warum sieht Mutti auf den Bildern ganz anders aus als in Wirklichkeit? Sie hatte doch immer so schöne dunkle Haare, wie ich sie auch gern gehabt hätte, statt dem blöden Blond – warum ist sie hier plötzlich auch  blond und hat eine ganz andere Frisur? Ist das vielleicht doch eine andere Mutti? Darüber muss ich nachdenken.
Auf dem Trainingshosenbild steht der Kleiderschrank vor genau  d e r  Tapete, die ich immer am liebsten mochte. Als ich die Geschwister mit meinen viel zu warmen Wintersachen wegschicke, sehe ich genau in die Albtal-Landschaft, durch die wir jedes Wochenende mit dem Wackelbähnchen dahin fahren, wo unsere Wanderungen immer anfangen.
Neues Entzücken: auf dem Bild mit der unartigen Elke steht genau unser Bücherschrank und -  nein! So klein und süß: Muttis alter Nähkasten, den man so geheimnisvoll auseinander ziehen kann, um an das untere Fach zu kommen. Es klappt aber nur, wenn man in die richtige Richtung zieht: mit der rechten Hand nach rechts und der linken nach links.
Aber jetzt verstehe ich nichts mehr und Mutti erklärt nichts: Auf dem folgenden Bild steht die Bilderbuch-Elke  und hält einen echten Esel an der Leine, beinahe so groß wie ein Pferd. Der Esel schaut mich an, ich schaue den Esel an  - sonst nichts. Und dann, auf der nächsten Seite: Die ESELSKAPPE. Aus grauem Samt und mit riesenlangen Ohren. Ich kenne sie genau. Ich stehe damit, angeleint an einen Stuhl, und heule wie am Spieß. Ich erinnere mich: Kurz vor Weihnachten hat die Tante sie von einer Näherin machen lassen. Ich war von allen sieben die einzige, die sie jemals tragen musste, nachdem ich an Weihnachten vom Keksteller meines Bruders ein Stück geklaut hatte. Danach nie wieder. Ob Mutti das verhindert hat?
Das Waschbild mit der ollen alten blauen Emaille-Schüssel – da sieht sie auf einmal richtig schön aus. Und die Zahnbürste daneben – dabei finde ich das Zähneputzen meistens scheußlich und würde es am liebsten ausfallen lassen. Aber keine Gnade: Nur wenn Mutti zufällig kurz raus geht, versuche ich, die bereits auf die Bürste  aufgetragene Zahnpaste zwischen die Heizröhren zu schmieren. Manchmal wundere ich mich, dass sie es noch nie gemerkt hat.
Beim letzten Bild wird mir ein bisschen komisch zumute. An mich selber hab ich mich schon beinahe gewöhnt, aber da steht plötzlich mein Puppen - Gitterbettchen  mit meiner einzigen Puppe drin liegen. Sie ist ganz aus Stoff und wirklich noch sehr klein und hilflos. Jemand hat sie zugedeckt – ich vergesse es oft und sage auch nicht ‚Kleines‘ zu ihr. Mutti sagt eigentlich auch nie ‚Kleines‘ zu mir. Plötzlich wünsche ich mir, dass Mutti so wie in dem Buch mal ‚Kleines‘ zu mir sagt und mich zudeckt – nicht nur, wenn ich krank bin. Aber das Bild ist da und nie mehr weg und ich kann es immer wieder anschauen. Und dann ist es beinahe so, als ob sie wirklich ‚Kleines‘ zu mir sagt.

Wir stehen immer noch um meine Mutter herum und schauen die Bilder an. Nach dem ersten Staunen machen wir uns alle auf die Dinge aufmerksam, die wir wieder erkannt haben. ‚Jetzt hast du dein eigenes Bilderbuch‘ – sagt Thomas schließlich, sachlich wie immer. ‚Das wirst du bestimmt nicht verkaufen, wenn wir wieder Kaufladen spielen‘, sagt Jörn. ‚So schön wie in dem Buch bist du eigentlich nicht‘, sagt Wilm. Ich bin noch zu versunken, um mich gegen diese Unverschämtheit zu wehren – außerdem finde ich das ja eigentlich auch.
‚Warum der Esel‘? frage ich Mutti.
Sie lächelt geheimnisvoll und sagt: „Das musst du dir selber ausdenken.“
Das einzige, was ich in diesem Moment spüre, ist, dass meine anfängliche Enttäuschung wie weggepustet ist. Irgendetwas ist geschehen. Jetzt gibt es plötzlich  z w e i  Elkes. Als ob ich vor einem erleuchteten Schaufenster stände und mir selber bei allem zugucken könnte. Ein bisschen unheimlich ist es schon. Da kann mich ja jeder auslachen, wenn ich am Heulen bin oder anderen Unsinn mache. Wer ist die echte Elke und wer bin  i c h? Und selbst wenn ich selber die Unterschiede sehe – wie kann ich sicher sein, dass auch die anderen es tun? Und der schwierigste Gedanke: Werden mich die anderen noch gern haben, wenn ich gar nicht so bin wie in dem Buch?
Ich muss noch viel darüber nachdenken, beschließe ich.






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