Das Armband

An der Wohnungstür klingelt es. <Mach mal auf>,  ruft die Tante aus der Küche. Das kleine Mädchen läuft zur Tür. Nur sie kann gemeint sein, die Geschwister sind alle in der Schule. Nächstes Jahr wird sie auch dorthin gehen. Sie freut sich. Dann ist sie nicht mehr die einzige morgens, die der Tante im Weg steht, wenn Mutti weg ist oder die oberen Zimmer in Ordnung bringt  oder selber in der Schule Unterricht gibt. Sie fürchtet sich immer ein wenig vor der Tante. Man weiß nie im Voraus, ob sie streng oder lieb ist. Manchmal wird man am Morgen getadelt für irgendein Vergehen vom Vortag, das man längst vergessen hat. Dann sinken die Arme, mit denen man sie gerade umarmen wollte, wie gelähmt und mitten in der Bewegung beschämt herunter.  Sie weiß dann kaum noch, wohin mit allen Gliedmaßen, alles ist falsch und die eben noch empfundene Liebe flattert hilflos am Boden.
Aber heute ist noch nichts Schlimmes passiert. Neugierig öffnet sie die breite, dreiflügelige Wohnungstür mit  den vielen kleinen geriffelten Glas – Karos, hinter denen man höchstens Umrisse erkennt. Sie weiß schon, welches die richtige ist. Daneben, gleich um die Ecke,  gibt es noch die kleinere Tür zur Küche hin, die mit dem Schiebefenster, das man früher öffnete, wenn die Brötchen gebracht wurden. Den Dienstboteneingang, sagen die Geschwister wichtigtuerisch, als wüssten sie genau, was Dienstboten sind.
Ein Fremder. Sie sieht gleich, dass er nichts verkaufen will. Er hat keinen Koffer oder Kasten dabei. Er steht einfach da und schaut sie an, als hätte er noch nie ein kleines Mädchen hinter einer riesigen Glastür gesehen.  Er steht und überlegt und schweigt. Beide schweigen. Dann sagt er mit rostiger Stimme: <Kannst du deine Mutti holen?>
Sie erschrickt. Was starrt sie ihn so an? Das macht man nicht, sagt die Tante immer. Aber starrt er nicht genau so, wo er doch ein Erwachsener ist? So vieles, das sie nicht versteht. Sie läuft in die Küche. Die Tante kommt ihr schon entgegen. <Was gibt’s denn?> fragt sie unwirsch und mustert den Mann vor der Tür <Ach so, ein Bettler!> fährt sie dann fort, noch ehe er die Zeit findet,  selbst zu sprechen. Das Kind zuckt zusammen. Darf man das einfach so sagen? Es schämt sich, obwohl doch der fremde Mann gemeint ist. Es schämt sich irgendwie, als ob es selbst auch ‚ein Bettler‘ wäre, und es spürt, dass auch der Mann sich schämt. Erst jetzt bemerkt es seine abgerissene Kleidung. Seine Schuhe haben Löcher und er hat keinen Mantel an, obwohl es kalt draußen ist. <Na, meinetwegen>, sagt die Tante. <Warten Sie einen Augenblick>. Vor der Nase des Mannes schließt sie resolut die Tür und geht in die Küche. Das Mädchen begreift nicht: Warum macht sie die Tür zu, wenn sie ihm doch offenbar etwas geben will? Hat er überhaupt verstanden, dass er etwas bekommt? Dann fällt ihr ein, dass einer dieser Fremden einmal den Fuß in die Tür klemmen wollte, um zu verhindern, dass man sie vor ihm schloss. Das hatte ihr Angst gemacht und die Warnungen der Tante verschärft, nie jemanden rein zu lassen. 
Im Kopf des kleinen Mädchens stürzen die Gedanken blitzschnell durcheinander. Es weiß schon, dass Krieg war, weil draußen alles kaputt ist. Die älteren Geschwister – und alle 6 sind älter – lachen sie oft aus, wenn sie vieles noch nicht versteht. Sie hat auch öfter gehört, dass sie selber  wenig Geld haben, dass immer alles teurer wird, die Lebensmittelmarken nicht reichen und Mutti oft ganz ratlos ist über  Kleidergutscheine, mit denen sie nicht für alle Geschwister  warme Sachen bekommt.  Aber vor kurzem, an ihrem Geburtstag, hat sie doch etwas Wunderbares erlebt. Irgendeine geheimnisvolle Großtante, die sie noch nie gesehen hat, weil sie unvorstellbar weit weg in Berlin wohnt, hat ihr als Geschenk ein kleines goldenes Armband geschickt. Ein goldenes Armband für sie ganz allein. Sie kann es nicht fassen. Natürlich haben sich die Geschwister beeilt, ihr zu versichern, dass es kein echtes Gold sei, nur ‚Doublé‘ – sie weiß nicht, was das ist. Es sieht doch wie Gold aus, denkt sie. Sicher ist es wertvoll. Noch nie hat sie etwas so Herrliches  besessen. Alles ringsum ist abgetragen, alt, kaputt, alle Kleider von den Größeren schon abgenutzt und vielfach geflickt, wenn sie selber groß genug ist, um sie zu ‚erben‘.
Sie schaut auf ihr Handgelenk. Da schimmert es unter dem verwaschenen Kleidchen kostbar  hervor, ganz schmal, ein bisschen wie eine kleine goldene Schlange. Das Mädchen schluckt. Tief in ihrem Innern beginnt ein Gedanke sich zu formen. Sie weiß, sie muss schnell handeln. Die Tante darf nichts merken. Geschenke darf man nicht weiter schenken, das hat sie schon gelernt. Aber wenn doch jemand nichts zu essen hat? Wenn jemand an fremden Türen betteln muss und ausgeschlossen wird wie ein bissiger Hund? Sie kämpft mit sich, schaut auf die blinkende Schlange und wieder zur Tür mit dem schwarzen Umriss. Ganz deutlich spürt sie: es wäre richtig, vielleicht sogar wichtig, sich von diesem wunderbaren Schmuck zu trennen. Braucht sie ihn denn wirklich? Der Mann könnte sich Essen dafür kaufen. Oder etwas eintauschen. Aber, sagt eine andere Stimme in ihr: es ist doch ein Geschenk, mein eigenes Geschenk. So etwas hat keiner von den anderen. Flüchtig scheint ein Bild in ihr auf: wie sie selber  noch unlängst im Mülleimer nach den Schalen gekochter Kartoffeln wühlte, sie auf eine Pfanne ohne Fett warf, sie braten  und in ewigem Hunger  verschlingen wollte. Wie die anderen sie ausgelacht haben. Wenn nun der Mann gar nichts anderes als Mülleimeressen hat?
Zuviel stürmt auf sie ein. Die Tante kommt aus der Küche gelaufen, in der Hand ein dickes Butterbrot. <Hier> sagt sie  zu dem Mann. < Mehr geht  leider nicht.>
<Vielen Dank>  sagt der Mann und dreht sich zögernd zum Gehen, als spürte er, wie es in dem kleinen Mädchen brodelt. <Auf Wiedersehen, Kleine> sagt er, nur zu ihr gewandt , und während die Tante die Tür schließt, schießt dem Kind  die Schamröte ins Gesicht.
Auf einmal ist der ganze Morgen dunkel, der eben noch hell war. Es öffnet sein Armband, wirft nicht einmal mehr einen Blick darauf und schiebt es unter allen möglichen anderen Kram tief in eine Schublade.
Sie wird es nicht mehr tragen.

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